Wiede wird zum Spieler der Partie gewählt

Januar 20, 2019

Wiede wird zum Spieler der Partie gewählt

Was dann auch die Abwehrarbeit der Deutschen beflügelte, sie verteidigten aggressiv und konzentriert, ließen gegen Frankreich in den ersten 30 Minuten gerade mal zehn Tore zu. Bob Hanning, der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes, fühlte sich damit sogleich an den Handball der achtziger Jahre erinnert, „wir hatten eine überragende Abwehrarbeit“, und er verteilte noch ein gewichtigeres Lob: „Das war das beste Spiel, das ich von der Mannschaft in den letzten zwei Jahren gesehen habe.“ Bei der WM 2017 waren die Deutschen im Achtelfinale an Katar gescheitert, im Sommer 2017 hatte Prokop den Job als Bundestrainer übernommen.

Neue positive Erkenntnisse lieferte der Angriff: In Fabian Wiede und Martin Strobel formierte sich ein Rückraum, der auch die kommenden Gegner ärgern könnte. Wiede wurde zum Spieler der Partie gewählt, nicht nur wegen seiner vier Treffer – auch seine Anspiele führten zu zusätzlicher Torgefahr. „Fabi ist jemand, der das klassische Spiel mit Intuition toppt“, hatte Prokop schon vor ein paar Tagen über den 24-Jährigen gesagt, was sich dann auch gegen Frankreich zeigte: Mal schloss Wiede selbst mit Tempo in der zweiten Welle ab, mal bediente er die Kreisläufer oder Rechtsaußen Patrick Groetzki mit einem Rückhandpass.

Das eine oder andere misslungene Anspiel verzeihen sie ihm beim DHB gerne. „Fabian darf mehr Fehler machen als andere, weil er auch mehr direkte Pässe zum Tor gibt als jeder andere“, sagte Hanning. Bei der EM im vergangenen Jahr hatte Prokop Wiede gar nicht in den Kader berufen, obwohl er 2016 unter Dagur Sigurðsson Europameister geworden war und bei Olympia in Rio Bronze gewonnen hatte. Zusammen mit Strobel.

Auch für Martin Strobel ist diese WM ja ein Comeback, noch ein viel größeres als bei Wiede: Weil er mit 32 Jahren nicht mehr zur Kategorie der Talente gehört und sein Geld sonst in der zweiten Bundesliga verdient, bei Balingen-Weilstetten. Als ihn der Trainer in der Vorbereitung für die Lehrgänge eingeladen hat, habe ihn das schon überrascht, erzählte Strobel neulich, „ich hab mir das nach dem ersten Anruf schon auch noch mal überlegt“. Schließlich ist er mittlerweile Familienvater, führte schon ein Leben abseits der Nationalmannschaft. „Ich habe die Spiele verfolgt in den letzten Jahren und war dann eher als Fan dabei“, sagte Strobel, „und habe dann auch mitgelitten, wenn es mal nicht so lief.“ Am Dienstagabend lief es für ihn wunderbar, auch er erzielte vier Tore. „Er war ganz wichtig für uns neben Fabian Wiede“, sagte Prokop, der Strobel für so einiges lobte: Zusammenarbeit mit den Kreisläufern, Räume schaffen, clevere Entscheidungen treffen.

Prokop wirkte von seiner Mannschaft wie berauscht, auch wenn durch die Führung Sekunden vor Schluss sogar ein Sieg möglich gewesen wäre. Dass Fabian Böhm wie schon Paul Drux am Vortag ein kapitaler Fehlpass in einer heiklen Phase unterlaufen war, konnte er gut verzeihen. „Irgendwann werden wir uns belohnen“, sagte der 40-Jährige. Treppenstufe für Treppenstufe eben.
Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 16. Januar 2019

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